05.07.2012

Echt was fürs Leben

Bei der Lebenshilfe in Nordrhein-Westfalen haben sich bislang mehr als 300 Leute für den Bundesfreiwilligendienst gemeldet oder haben sogar schon die Arbeit begonnen. Sie werden dabei stets von Fachleuten begleitet. Der Landesverband organisiert zudem Fortbildung für die freiwilligen Helfer. Beliebt sind die Einsatzstellen, bei denen der direkte Kontakt zu den Menschen mit Behinderung besonders groß ist. So ist es auch bei dem 21-jährigen Johannes Vaerst. Ihn trifft die LHZ zum Interview in der Seniorengruppe einer Wohnstätte der Lebenshilfe Leverkusen.

Herr Vaerst, Sie sind nun seit sechs Monaten als sogenannter "BFDler" tätig. Wie sind Sie auf den Bundesfreiwilligendienst gekommen? 

Kurz und knapp, eigentlich wusste ich erst mal nichts anderes. Am besten konnte ich mir ein BWL-Studium, eine wirtschaftliche Ausbildung oder so was Ähnliches vorstellen. Aber das ist dann alles irgendwie so schnell nichts geworden - und dann brauchte ich einfach einen Job. Im Nachhinein bin ich aber sehr, sehr glücklich, dass das so gekommen ist. 

Was gehört denn genau zu Ihren täglichen Aufgaben? 

Morgens fange ich immer um 7 Uhr hier in der Wohnstätte im zweiten Obergeschoss an. Dort bin ich für das Frühstück der Bewohner zuständig. Um 8 Uhr komme ich dann immer runter, versorge alle mit Kaffee und baue alles auf. Dann machen wir Fahrdienst und holen von den anderen Wohnstätten in Leverkusen die Rentner ab. Und dann überlegen wir uns - je nachdem wie viele Leute wir sind und wie das Wetter ist -, wie wir den Tag gestalten. Dann wird ein Film geguckt, Kniffel gespielt, oder es werden Ausflüge gemacht. Manchmal fahren wir zu Ikea, weil die Bewohner was brauchen. Jeden Mittwoch haben wir außerdem Tanz-Café. Dann ist der Saal hier voll. Es wird Kuchen gegessen, jedes Haus bringt einen mit. Und im Idealfall wird auch getanzt. Das geht natürlich mit den Jahren immer schlechter. Leider. Oft spielen wir dann Bingo. 

Was gefällt Ihnen denn besonders gut, und was machen Sie nicht so gerne? 

Am liebsten unterhalte ich mich mit den Bewohnern und gucke, wie ich ihnen was Gutes tun kann. Also, Küchendienst mach ich grundsätzlich nicht so gerne, aber das gehört einfach dazu. Dafür genieße ich sehr den Kontakt zu den Menschen. Es ist einfach super zu sehen, wie man die Bewohner zufrieden, ausgeglichen und glücklich machen kann, indem man sich einfach um sie kümmert. Man bekommt wirklich unglaublich viel zurück. 

Würden Sie sagen, dass der Bundesfreiwilligendienst Ihre berufliche Zukunft beeinflusst hat? 

Auf jeden Fall. Ich glaube, die sogenannten sozialen Kompetenzen hat es zwar bei mir nicht sehr beeinflusst, da die grundsätzlich schon da waren. Vielleicht wurden sie aber ein bisschen intensiver heraus gekitzelt. Mein Berufswunsch hat sich total verändert. Eigentlich wollte ich ja was Wirtschaftliches oder Kaufmännisches machen. Nun sieht es eher so aus, dass ich Soziale Arbeit studieren möchte. Sollte das nicht klappen, könnte ich mir vorstellen, noch mal zwei Jahre zur Schule zu gehen, um meinen Heilerziehungspfleger zu machen. Meine Familie steht da auch total dahinter. Meine Eltern waren von Anfang an von der Idee mit dem Bundesfreiwilligendienst begeistert. 

Würden Sie den BFD denn auch anderen empfehlen? 

Unbedingt. Es ist eine super Erfahrung. Echt was fürs Leben. Und vor allem verliert man Berührungsängste bei vielen Dingen. Ich bin inzwischen gar nicht mehr empfindlich bei Sachen, von denen viele meiner Freunde sagen, das könnten sie nicht. Ich mag unsere Bewohner. Viele von ihnen sind so offen und gehen immer auf andere zu. Das empfinde ich als echte Bereicherung. 

Quelle: Lebenshilfe-Zeitung, Ausgabe 2/33, Juni 2012